„Frau Teuteberg, bitte erklären Sie uns den Osten"

Aktualisiert: 26. März 2019

Redaktionsgespräch mit der Waiblinger Kreiszeitung - erschienen am 11. März 2019.

Von Peter Schwarz


„Undankbar, wehleidig, fremdenfeindlich – so ziehen wir im Westen über die Ostdeutschen her. Aber machen wir es uns da nicht zu einfach? Ein Gespräch darüber mit der FDP-Bundestagsabgeordneten Linda Teuteberg; dieser Tage war die Brandenburgerin in Baden-Württemberg unterwegs.


Die sollen nicht so rumzicken, haben wir ihnen etwa nicht genug Geld reingebuttert? All die picobello ausgebauten Autobahnen! Und dann stellen die sich auf die Marktplätze mit ihren Wutgesichtern und schreien „Wir sind das Volk“ . . . Das ist der Westblick auf den Osten. Ist er gerecht?


Als die Mauer fiel, war Linda Teuteberg acht Jahre alt. Als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte sie Jura und Volkswirtschaft; als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni schrieb sie eine preisgekrönte rechtsphilosophische Arbeit über Steuergerechtigkeit; 2013 gewann sie mit ihrem Talent, verständlich zu reden, ohne platt zu klingen, die meisten Zuschauerstimmen in Stefan Raabs Polit-Show „Absolute Mehrheit“; heute, mit 37, ist sie migrationspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion und damit Frontfrau ihrer Partei beim umstrittensten Thema der Republik. In liberalen Kreisen gilt sie als bundesweite Hoffnungsträgerin – und wer erlebt, mit welch fast irritierend politphrasenfreier Klarheit sie im Gespräch ihre Gedanken entwickelt, versteht schnell, warum. Das ist das eine. Das andere: Geboren in Königs Wusterhausen. Aufgewachsen im 400-Seelen-Flecken Görsdorf bei Storkow. Abitur in Fürstenwalde. Studium in Potsdam. Eine brandenburgische Biografie durch und durch.


Die Wende: „Härten und Tragiken“ des Umbruchs


„Sehr vieles“ ist „gut gelungen in diesen 30 Jahren seit dem Mauerfall“, betont Teuteberg – was aber „nicht immer so gesehen wird: wie stark diese Umbrucherfahrung war“. Nicht Dutzende Betriebe wurden damals im Osten „von einem Tag auf den anderen“ abgewickelt, nicht Hunderte; Tausende. 2,5 Millionen Menschen verloren ihre Jobs. In vielen Familien waren „mehrere gleichzeitig sehr plötzlich betroffen“.


Teuteberg widerspricht „Verschwörungstheorien“, wonach die Treuhand diesen Landstrich systematisch ausgebeint habe – viele Betriebe waren schlicht „nicht wettbewerbsfähig“. Aber das ändert nichts daran, dass diese Umwälzung „Verletzungen“ brachte, „Härten und Tragiken“. Und nach dem Mauerfall: die Abwanderung. Junge Leute suchten im Westen eine Zukunft – weshalb im Osten heute „der demografische Wandel viel schärfer sichtbar“ ist. In manchen Dörfern ist nur die „Großeltern-Generation noch da“.


Und die „Debattenkultur“ ist noch heute „auf jeden Fall anders“. Als Teuteberg 2009 brandenburgische Landtagsabgeordnete wurde, fiel ihr auf, dass selbst bei Kollegen im Parlament eine „Grundakzeptanz für Streit“ fehlte. Eine ältere Kollegin erklärte ihr: Sie habe „in der DDR nicht gelernt, ihre Meinung gegen Widerstände engagiert zu vertreten“, und jetzt lerne sie das auch nicht mehr. Aber Aufgabe von Politik ist es nun mal, findet Teuteberg, „verschiedene Lösungen nachvollziehbar darzustellen, hart in der Sache, verbindlich im persönlichen Umgang“. Gehört es zu ihrem Rollenverständnis, Streitkultur zu pflegen? „Auf jeden Fall! Das finde ich sehr wichtig.“ Streit „ist ein Entdeckungsverfahren“: um „herauszufinden, was sinnvolle Lösungen für die Probleme unserer Zeit sind“.


Das Gegenstück zur in der Undemokratie gezüchteten Sprachlosigkeit ist die eruptive Entladung auf der Straße: Die Wut im Osten während der großen Flüchtlingszuwanderung hat viele Westler verstört. Warum, fragten sie, steigern die sich in so eine aggressive Überfremdungsangst hinein? Dort gibt es doch kaum Ausländer! Das stimmt, sagt Teuteberg – zur Fairness gehöre aber auch, zu betrachten, „in welchem Zeitraum unter welchen Umständen Einwanderung stattfindet“. Westdeutschland hat 60 Jahre Erfahrung mit Gastarbeitern, Balkankriegsflüchtlingen, Russlanddeutschen, dem türkischen Gemüsehändler, griechischen Kollegen, italienischen Klassenkameraden. Im Osten kamen Ende 2015 auf einen Schlag viele hilfsbedürftige Fremde an Orte, wo „vorher so gut wie keine waren“; in Kommunen, denen eben noch „geraten worden war, Wohnraum abzubauen“. Teuteberg hält inne. „Das rechtfertigt nichts von dem, was wir manchmal an erschreckenden Bildern sehen.“ Aber es gehört zum Panorama. Und bitte: „Trotzdem wählt die große Mehrheit nicht AfD.“


Die deutsche Einheit ist ein „Generationenthema“. Bis heute sind in vielen Lebensbereichen,

zum Beispiel an ostdeutschen Gerichten, Westdeutsche die Chefs. Denn „Juristen, die sowohl unbelastet als auch ausgebildet und erfahren waren“, gab es nach der Wende schlicht nicht. Aber mittlerweile ist die Zeit reif: für jüngere Menschen, „die langsam in Funktionen kommen“, die nach vorne blicken, ohne mit Vergangenheitsblindheit geschlagen zu sein, die ganz Deutschland als ihre Heimat begreifen, ohne zu vergessen, woher sie kommen; Zeit, kurzum, für „die nächste Generation“. Linda Teuteberg muss es nicht dazusagen: Sie redet dabei auch von sich."


Mit freundlicher Genehmigung der Waiblinger Kreiszeitung.